Regionalliga Nordost
Jenas verlorene Ordnung öffnet Erfurt die Tür
Vor dem Thüringenderby hatten Marco Grote und Fabian Gerber ziemlich genau beschrieben, worauf es ankommen würde. Jena wollte Emotion und taktische Ordnung verbinden und aus der eigenen Spielidee Lösungen entwickeln. Erfurt sollte dem Anfangsdruck standhalten und mit einem breiten Kader auch von der Bank Wirkung erzeugen. Nach einem intensiven Nachmittag vor 12.141 Zuschauern ließ sich die Partie, die die Gäste mit 2:1 für sich entscheiden konnten, wie eine Prüfung dieser Ankündigungen lesen: Der FCC bestand sie zunächst, verlor nach der Führung jedoch den Zugriff. RWE justierte nach – und gewann durch Hinata Gonda und den eingewechselten Romario Hajrulla erstmals seit 15 Jahren wieder ein Ligaspiel im Jenaer Paradies.
Auch die von beiden Seiten vorab relativierten Begleitumstände prägten das Geschehen weniger als erwartet. Burmeister hatte angekündigt, einen möglicherweise lückenhaften Heimbereich ausblenden zu wollen, Awoudja schrieb der Unterstützung von 1415 Erfurtern keine taktische Bedeutung zu. Tatsächlich war die Atmosphäre präsent, ohne die Ordnung sofort zu sprengen. Erst als Intensität und Zweikampfhärte nach der Pause zunahmen, bekam die Begegnung jenen Derbycharakter, den Gerber in den ersten 45 Minuten vermisst hatte.
»Aus dem eigenen Spiel die passenden Lösungsansätze finden«, hatte Grote gefordert. Seine Mannschaft setzte dies über weite Strecken der ersten Hälfte um. Nach offenen Anfangsminuten übernahm Jena die Initiative, ordnete den Ballbesitz und suchte über die Außen die Tiefe. Burmeister schloss knapp vorbei ab (7.), Wollschläger verfehlte eine scharfe Hereingabe nur um einen Schritt (13.). Jena rückte geschlossen nach, hielt die Abstände klein und zwang Erfurt mit seinem Pressing in unbequeme Anschlussaktionen.
Gerber hatte verlangt, seine Mannschaft müsse der Atmosphäre und dem Jenaer Druck widerstehen. Das gelang zunächst nur teilweise. RWE fand über Kofi Assibey-Mensah einzelne Umschaltmomente, kam aber kaum hinter die Abwehr. Die angekündigte Reife zeigte sich darin, dass Erfurt nicht auseinanderfiel. Auch ein personeller Rückschlag zerstörte die Struktur nicht: Kapitän Maxime Awoudja, der seine Fitness betont hatte, musste nach einer halben Stunde verletzt vom Platz. Für ihn kam Solomon Adesida.
Kurz zuvor hatte Lorenz Otto gegen Wollschläger pariert (29.), beim 1:0 war er machtlos. Sören Reddemann schlug lang auf Elias Löder, dessen Kopfballablage Kevin Lankford aufnahm und wuchtig vollendete (32.). Ausgerechnet der von Gerber hervorgehobene Löder entzog sich der Kontrolle als Vorbereiter. Jena attackierte damit jene Verwundbarkeit hinter der letzten Linie, die Grote erkannt hatte. »Für mich war die Führung zu dem Zeitpunkt hochverdient«, bilanzierte der FCC-Trainer.
Doch die Begegnung kippte bereits vor der Pause. Jena schob nicht mehr konsequent nach, die Abstände wurden größer, der Druck auf den Ball ließ nach. Grote nannte seine Elf »nachlässiger, passiver« und traf damit den entscheidenden Punkt. Gonda scheiterte nach Romario Dehls Zuspiel an Marius Liesegang (45.+3); Sekunden später wehrte der Torhüter in einer Mehrfachchance weitere Abschlüsse ab, ehe Talabidi in höchster Not klärte. Der FCC hatte die Kontrolle preisgegeben, RWE den psychologischen Fuß in der Tür.
Gerber war dennoch unzufrieden. Die erste Hälfte habe zeitweise »Freundschaftsspiel-Charakter« gehabt, sagte er mit Blick auf die fehlende Schärfe seiner Elf. In der Kabine forderte er mehr Aggressivität und brachte Hajrulla für Dreca. Damit bestätigte sich eine zentrale Ankündigung: Auch die Einwechselspieler sollten unmittelbar helfen. Hajrulla erhöhte Erfurts Präsenz und entschied später die Partie.
Fünf Minuten nach Wiederbeginn fiel der Ausgleich. Nach einem geblockten Abschluss Assibey-Mensahs gelangte der Ball über Dehl zu Gonda, der sich im Strafraum drehte und flach ins linke Eck traf (50.). Gerber sprach von einem »goldwerten« Zeitpunkt. Der FCC fand den verlorenen Hebel nicht wieder. Grote führte dies auf mangelndes Nachschieben zurück: Kompaktheit sei unabhängig von der Grundordnung zentral; gehe sie verloren, werde es problematisch. Erfurt nahm nun zweite Bälle auf, setzte Angriffe fort und entwickelte eine Druckphase.
Jena blieb gefährlich. Grote brachte zunächst Manassé Eshele und Okan Aghatise. Einen Freistoß Lankfords parierte Otto, beim Nachsetzen prallte Marcel Fritz gegen den Pfosten (59.). Wenig später rettete Otto vor Eshele, verletzte sich dabei jedoch so schwer, dass er vom Feld getragen und ins Krankenhaus gebracht werden musste. Lukas Rodtnick kam ohne lange Vorbereitung in das aufgeheizte Derby und lieferte später den stärksten Beleg für Gerbers Vertrauen in seinen Kader.
Zunächst schlug ein anderer Einwechselspieler zu. Nach einer Erfurter Ecke setzte sich Hajrulla gegen Reddemann durch und köpfte zum 2:1 ein (75.). Der Treffer bündelte mehrere angekündigte Erfurter Stärken: eine funktionierende Bank, offensive Variabilität und die Fähigkeit, das Spiel nach einem Rückstand an sich zu ziehen. Gerbers geheim gehaltener Plan, Jena »zu knacken«, war weniger als starres Angriffsmuster denn als erfolgreiche Anpassung zu erkennen: RWE erhöhte Aggressivität und Präsenz, nutzte Jenas nachlassende Kompaktheit und veränderte die Partie durch seine Wechsel.
Grotes Mannschaft bäumte sich auf, konnte die verlorene Ordnung aber nur noch durch Druck und Risiko ersetzen. Löder hob den Ball knapp vorbei (81.), in der Schlussminute bot sich ihm die große Ausgleichschance. Aus rund elf Metern scheiterte er an Rodtnick, der reflexartig parierte und vom Ersatzmann zum Derbyretter wurde. Auch drei Jenaer Ecken in der Nachspielzeit überstand RWE. Gerber sprach von »alles wegverteidigen«; nun musste seine Mannschaft wirklich leiden.
So fanden beide Trainer ihre Wahrnehmung in Teilen bestätigt, doch nur einer sah seine entscheidenden Vorhersagen über die gesamte Distanz umgesetzt. Grote hatte recht, als er Jena bis kurz vor der Pause als klar bessere Mannschaft beschrieb. Seine Analyse erklärte jedoch zugleich die Niederlage: Die angekündigte Verbindung aus Energie, eigener Spielidee und Kompaktheit hielt nicht lange genug. Die Einwechslungen brachten Chancen, aber keine nachhaltige Rückeroberung der Spielkontrolle. Gerbers Mannschaft legte den Respekt ebenfalls nicht sofort vollständig ab, bewies danach aber jene Reife, Stabilität und Kaderbreite, auf die ihr Trainer gesetzt hatte.
Der Erfurter Coach nannte den Erfolg aufgrund der zweiten Hälfte »nicht unverdient« und durfte sich »mega stolz« sowie »mega erleichtert« zeigen. Das Urteil hält dem Verlauf stand: Jena besaß die bessere erste Phase und genügend Möglichkeiten zum 2:2, Erfurt aber gewann die entscheidenden Abschnitte nach der Pause. Dieses Derby wurde nicht durch die lautere Ankündigung entschieden, sondern durch die konsequentere Korrektur. RWE fand nach dem Rückstand neue Antworten; der FCC verlor ausgerechnet jene Ordnung, die Grote vor dem Anpfiff zum Schutzschild gegen die Emotionen erklärt hatte.
Text und Foto: Holger Elias
