Regionalliga Nordost

Der Countdown läuft, der Pulsschlag steigt

Wie in Jena, so überall in unserer Regionalliga: Sie bleibt das Epizentrum des deutschen Viertligafußballs.

Wenn die Relegation zur Lotterie wird und acht Klubs vom Aufstieg träumen: Eine Saisonvorschau vor dem Anpfiff der emotionalsten Regionalliga Deutschlands. Von Holger Elias (Text) und Kerstin Kellner (Fotos)

Der Fahrplan steht: 18 Teams, 34 Spieltage, ein Meister – und ein Nervenspiel. Am 25. Juli 2025 startet die Regionalliga Nordost in ihre 14. Saison. Was nach Regelbetrieb klingt, ist in Wahrheit ein Hochdruckkessel aus Tradition, Ambition, Frust und Hoffnung. Die Dichte an Traditionsvereinen ist so hoch wie nie, der Aufstieg bleibt ein Kraftakt: Nur der Meister darf in die Relegation gegen den Bayern-Primus – der Rest schaut zu. Der Reformstau im deutschen Viertligafußball trifft kaum eine Staffel so ins Mark wie den Nordosten.

Die Favoriten? Es sind gleich mehrere. Hallescher FC, Absteiger mit Aufbruchsignal. Lok Leipzig, Vizemeister mit Lizenz ohne Auflagen. Rot-Weiß Erfurt, gereift, gewillt. Carl Zeiss Jena, gereizt und reformhungrig. Und dahinter? Chemnitz, BFC Dynamo, Greifswald – ambitionierte Verfolger mit Potenzial zur Überraschung.

Die Prognosen kursieren, die Diskussionen laufen heiß – doch klar ist auch: Diese Liga kennt ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Überraschungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wer heute Außenseiter ist, kann morgen oben mitspielen. Drei Szenarien, die häufig diskutiert werden:

1. Halle, Lok und Erfurt liefern sich ein hochklassiges Kopf-an-Kopf-Rennen, das in einem nervenaufreibenden Relegationsduell kulminiert. Die Tagesform entscheidet. 2. Die Debatten um die Aufstiegsfrage befeuern die Emotionalität. Außenseiter wie Altglienicke, Chemie oder der BFC Dynamo mobilisieren ihre Fanlager und wachsen über sich hinaus. 3. Greifswald oder Babelsberg nutzen Fehler der Großen, sammeln konstant Zählbares und stehen plötzlich ganz oben. Wenig wahrscheinlich – aber in dieser Liga eben nie ausgeschlossen.

Und vielleicht taucht am Ende sogar eine Mannschaft im Titelrennen auf, die heute kaum jemand auf dem Zettel hat – auch das ist die Regionalliga Nordost.

Der Modus: Nerven aus Stahl gefragt

Es wird wieder zur Sache gehen: Szene aus Hertha 03 gegen Chemie Leipzig.

Der NOFV belässt es beim bewährten 18er-Feld. Der Meister steigt nicht direkt auf, sondern spielt im Mai/Juni 2026 in zwei Partien gegen den Meister der Regionalliga Bayern um das Ticket zur 3. Liga. Der Rhythmus rotiert – dieses Jahr ist der Norden, neben dem Westen und Südwesten, direkt aufstiegsberechtigt, Nordost und Bayern müssen zittern. Die Kritik daran ist virulent: Etliche Klubs unterstützen die Initiative »Aufstiegsreform 2025«. Inzwischen haben sich auch Vereine aus den anderen Regionalligen der Initiative angeschlossen.

Die Topkandidaten

Die Zehlendorfer Hertha und Babelsberg sind sicher mit anderen Zielstellungen beschäftigt, als Lok Leipzig oder der Hallesche FC.

1. Hallescher FC – Neustart unter Strom

Nach dem überraschenden Trainerwechsel greift Halle unter dem neuen Trainer-Duo Schröder und Prüfer an. Die Abgänge von Publikumsliebling Nietfeld und Mittelfeldmotor Inaler schmerzen, dafür wurden u.a. mit Fakhro und Schmedemann erfahrene Neuzugänge verpflichtet, die sofort Verantwortung übernehmen sollen. In der Sommervorbereitung wurden zuletzt die Testspiele gegen Hessen Kassel und Greuther Fürth gewonnen, wobei insbesondere der Sieg gegen den Zweitligisten für Aufsehen sorgte. Ein ausgeglichene Kaderstruktur, die äußerst professionellen Rahmenbedingungen und der unbändige Aufstiegswille machen den HFC zur vielleicht komplettesten Mannschaft der Liga.

»Unsere Fanbasis erwartet nichts anderes als Platz 1. Das ist Druck, aber auch Privileg.« (Schröder)

2. 1. FC Lok Leipzig – Lizenz in der Tasche, Revanche im Blick

Die Relegation 2024/25 gegen den TSV Havelse hallt noch nach. Die »Loksche« will es erneut wissen, diesmal ohne Zweifel an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Das 3-5-2-System unter Jochen Seitz wirkt gereift, Neuzugang Ayodele Adetula bringt Tempo. Die Offensive um Vereinslegende Djamal Ziane brennt, der Pokalkracher gegen Schalke elektrisiert. Jetzt muss nur die Konstanz stimmen.

»Wir haben gesehen, dass wir auf Augenhöhe sind. Jetzt müssen wir konstanter marschieren.« (Salewski)

3. FC Rot-Weiß Erfurt – Breite statt Blitzlicht

Trainer Fabian Gerber formt ein Team, das nicht vom Glanz Einzelner lebt. Neuzugänge wie Stanislav Fehler, Mashigo oder Golubytskyi bringen Tiefe und Tempo. Im Trainingslager wurde am Umschaltverhalten gefeilt. Die Testspielpleite gegen Barockstadt war ein Weckruf – das Kaderfundament bleibt dennoch vielversprechend.

4. FC Carl Zeiss Jena – Erwartung und Emphase

Jenas Reformstimme ist laut – sportlich aber muss das Team liefern. Coach Uluc setzt auf Kompaktheit, Lankford und Eshele sollen in der Offensive Löder und Weinhauer ersetzen. Der Kader wirkt ausgewogen, Testspielintensität hoch. Pikant: Am letzten Spieltag gastiert Erfurt im Ernst-Abbe-Sportfeld. Ein Derby-Endspiel um die Meisterschaft?

Verfolger im Rückspiegel

BFC Dynamo

Trainer Dennis Kutrieb hat die Kurve gekriegt: Vier Siege in fünf Tests, der Kader verjüngt, das Spielsystem angepasst. Tobias Gunte bringt Stabilität in die Abwehr, das Spiel gegen Hertha BSC setzte Akzente. Wenn die Wankelmütigkeit der Vorjahre abgelegt wird, ist der BFC oben dabei.

Chemnitzer FC

Kontinuität als Trumpf: Trainer Benjamin Duda bleibt, die Vorbereitung verlief torreich (20:0, 17:0, 20:0). Spieler wie Johannes Pistol oder Tobias Stockinger sorgen für frischen Wind. Der CFC ist auch sportpolitisch aktiv und treibt die Reformagenda mit voran. Motivation inklusive.

Greifswalder FC

Das strukturell solide Team setzt auf Evolution statt Revolution. Neuzugang Edgar Kaizer bringt Kopfballstärke und Führung. Testspiele wie das 2:3 gegen Cottbus zeigen Offensivpotenzial. Im Windschatten der Großen lauert Greifswald auf den Moment.

Die große Mitte

Die VSG Altglienicke und Hertha 03 gehören zur »großen Mitte« im Feld der 18 Nordost-Regionalligisten.

Die VSG Altglienicke hat den Kader erneut umgekrempelt und lieferte überzeugende Auftritte in den Vorbereitungsspielen. Chemie Leipzig testet gegen Banik Ostrava und setzt auf Fankultur. Babelsberg 03 bleibt Ausbildungsschmiede. Hertha BSC II, Zwickau, Meuselwitz, Hertha 03, Luckenwalde – alle haben gute Argumente fürs gesicherte Mittelfeld, aber auch Risikozonen bei Formkrisen.

Die Aufsteiger

1. FC Magdeburg II

Die U 23 des Zweitligisten hat den Durchmarsch geschafft, spielt im Avnet-Stadion. Ziel: Ausbildung vor Ergebnis. Doch: Regionalliga ist kein Lehrbetrieb. Transfers sind volatil, die Konkurrenz scharf auf Talente.

BFC Preussen

Zurück im Viertligafußball nach 83 Jahren. Das Stadion in Lankwitz wird auf 5.000 Plätze gebracht, der 25-jährige Neuzugang Phil Butendeich ist Kopf des Teams. Doch der Etat ist niedrig, die Herausforderung groß. Preussen muss die Euphorie kanalisieren – oder droht zum Punktelieferanten zu werden.

»Für uns zählt jeder gewonnene Zweikampf – wir haben den kleinsten Etat, aber das größte Herz.« (Butendeich)

Die Regionalliga Nordost bleibt das Epizentrum des deutschen Viertligafußballs. Die Mischung aus sportlicher Qualität, historischer Tiefe und strukturellem Streit sorgt für eine Saison, die mehr ist als ein Wettbewerb: Sie ist ein Statement.

Es kann also losgehen: Anpfiff, bitte!

Sport Freak

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